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Marina Proksch-Park

INTERVIEW mit Fotografin Marina Proksch – Park

Marina Proksch – Park ist 38 Jahre alt und autodidakte Fotografin. Flugkraft ist aus einer kleinen Idee im privaten Bereich entstanden und nachdem Marina in ihrer Freizeit von 2013 bis 2015 ehrenamtlich 50 Familien betreute und fotografisch begleitete und mit ihren Fotos die Öffentlichkeit mit Fotoausstellungen sensibilisierte und über Vorsorge und Typisierungen aufklärte, wurde sie 2014 mit dem Ehrenamtspreis der DKMS ausgezeichnet und 2013 mit dem HealthShare Award.

Langsam baute sie sich ein großes motiviertes 16107255_1410667738944660_3613315932570506534_oTeam hinter sich auf. Durch den großen Bedarf hat sie zuerst einen Verein gegründet, aber schnell gemerkt, dass das nicht der richtige Weg ist, um die Idee zu schützen und die Betroffenen zu unterstützen. 2015 wurde dann zusammen mit 4 Gesellschaftern eine gemeinnützige Gesellschaft gegründet, wo sie sich teilzeit eingestellt hat. 24 Std am Tag ist Marina für die 57 Familien und unzählige Erwachsene, die Flugkraft zur Zeit betreut erreichbar. Termine bei Familien, Workshops für Erwachsene, Einzeltermine, Hospiz – und Krankenhausbesuche, stundenlange Fotobearbeitung, Öffentlichkeitsarbeit, Pressetermine, Emails beantworten, viele viele Telefonate, Whatsapp Betreuung, tägliche Pflege der sozialen Medien wie Facebook und Instagram, monatl. Fotoausstellungen, Entwurf und Weiterentwicklung der Flugkraft Kollektion und und und … inzwischen gibt es sogar ein Flugkraft Laden, indem es hauptsächlich Produkte für Krebspatienten gibt und auch als Treffpunkt super angenommen wird. Dafür wurde Manja Schulz, eine 2. Teilzeitkraft  auf 25 Std die Woche eingestellt, die sich um den Laden, die Visagistik und um die Büro- und Verwaltungsarbeiten kümmert. Über 100 ehrenamtliche Helfer stehen hinter Marina und kümmern sich darum, die Idee hinter Flugkraft bundesweit zu transportieren. Aber das erzählt sie Euch alles jetzt in dem folgendem Interview:

Wie und wann ist das Fotoprojekt Flugkraft entstanden? Anfang 2013 fotografierte ich das krebskranke Kind meiner Freundin. Für die Familie war es total wichtig, aus dieser Zeit schöne Fotos zu haben. Kurzerhand beschloss ich das auch anderen betroffenen Familien zu schenken.

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Was hat Sie motiviert, dieses Projekt zu beginnen? Ich bin mit ehrenamtlicher Arbeit  aufgewachsen und habe fast 20 Jahre aktiv ehrenamtlich im Verein Leukin (auch mehrere Jahre im Vorstand), den meine Mutter mit gegründet hat, gearbeitet. Ich habe überhaupt nicht darüber nachgedacht, was das bedeutet. Ich schenke den Familien meine Freizeit. Die Familien haben sich bei mir gemeldet und was ich möglich machen konnte, habe ich möglich gemacht. Die Fotos mußten in die Öffentlichkeit, damit die Menschen nicht mehr ausgegrenzt werden. 2013 gab es in den Medien noch nicht solche Fotos von krebskranken Menschen, nur vielleicht mit Mundschutz oder am Tropf. Lachende krebskranke Kinder, die spielen und das Leben genießen. Das hat begeistert! Das hat den Stein ins Rollen gebracht. Flugkraft holte das Thema Krebs aus der „Tabuschublade“. Jede Sekunde meiner Freizeit habe ich in dieses Projekt gesteckt, habe Familien besucht, nächtelang Fotos bearbeitet, penetrant prominente Supporter angeschrieben, Emails von Betroffenen beantwortet, telefoniert und organisiert. Durch die Fotos wurde Flugkraft ganz schnell, ganz bekannt. Sowas gibt es bundesweit kein zweites Mal!

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Mittlerweile haben wir aus Flugkraft nun eine gemeinnützige Gesellschaft (mbH) gegründet, aber nicht um Profit zu machen (das dürfen wir auch gar nicht), sondern um den Menschen professioneller helfen zu können. Mit 4 Gesellschaftern und einem tollem Team kann ich nun bundesweit tagtäglich Flugkraft versprühen. Auch viele Prominente unterstützen uns da, indem sie Fotos von sich mit unserem Flugkraft Armband auf ihrer Facebook – Seite posten. Mit diesen Armbändern haben wir eine „Kette gegen den Krebs“ gestartet. Man bekommt sie hier im Shop und macht damit auf das Thema aufmerksam. www.kette-gegen-den-krebs.de

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Inzwischen hat die Facebook-Seite von Flugkraft über 40.000 Likes – haben Sie mit einer so großen Resonanz gerechnet? Nein, am Anfang wollte ich den betroffenen Familien einfach nur Fotos als Erinnerung zur Verarbeitung ihres Schicksals schenken. Was die Fotos aber wirklich in den Menschen auslösen, was Flugkraft den Menschen auch als Wort bedeutet und das sich sogar Prominente für meine Arbeit interessieren, da hätte ich im Leben nicht mit gerechnet, auch das mir so viele tolle motivierte Menschen täglich bei meiner Arbeit helfen. Ohne meine über 100 ehrenamtlichen Helfer, wäre Flugkraft nicht das, was es heute ist.

Sie besuchen Familien und fotografieren krebskranke Kinder in ihrer privaten Umgebung – wie entstehen die Kontakte zu den Familien? Die Familien melden sich bei mir per Mail oder rufen mich einfach an. Wir machen dann einen Termin und ich komme dann zu denen nach Hause, ins Hospiz oder wohin auch immer und dort reden wir, spielen ein wenig und ich mache aus der Situation heraus Fotos. Die Fotos sollen natürlich wirken und den Familien später zeigen, dass nicht alles nur schlecht war zu der Zeit, sondern das es den Kleinen auch gut ging zwischendurch und dass die Familie enger zusammen gewachsen ist.

Und wie würden Sie die Motivation der beteiligten Eltern und Kinder beschreiben – warum machen sie mit, welche Wünsche und Hoffnungen sind bei den Familien mit den Fotoshootings verbunden? Die Familien möchten mit den Fotos hauptsächlich zeigen „Hallo, wir sind noch da“ denn betroffene Familien werden oft ausgegrenzt. Man weiß nicht, wie man mit ihnen umgehen soll, man möchte nichts Falsches sagen, dann sagt man lieber gar nichts. Das ist grundverkehrt! Sie möchten normal behandelt werden. Für sie hat sich etwas geändert, dass ist klar, aber trotzdem sind sie noch die Alten und eine ganz normale Familie, die versucht ihren Alltag zu meistern. Darum ist für die meisten Familien auch wichtig, dass ich über sie auf meiner Facebook Seite berichte. Das Feedback der Menschen gibt ihnen die Kraft weiter zu kämpfen.

Wieviele Kinder haben Sie denn insgesamt fotografiert? Puh, inzwischen war ich bei über 100 Familien, zur Zeit betreuen wir 58!

Wie reagieren die Kinder vor der Kamera – eher scheu und zurückhaltend oder machen sie von Anfang an engagiert mit? Ich bringen den Kindern immer Geschenke mit, die wir von den Spendengeldern kaufen, nach den Wünschen, die mir die Eltern im Vorfeld mitteilen, auch den Geschwisterkindern, da sie hinter dem kranken Kind oft zurückstecken müssen. Durch die Geschenke, auch durch unseren Flugkraft Teddy Freddy, mögen mich die Kinder direkt und wir puzzeln, spielen Fußball oder bauen Lego. Ich versuche nur zwischendurch Fotos zu machen und komandiere die Kinder nicht. Sie machen was sie möchten. Oft sind es die Eltern die dirigieren.

Und was ist mit den Eltern – dürfen die mit aufs Foto oder sollen immer nur die Kinder fotografiert werden? Ich fotografiere die ganze Familie. Gerade die Geschwisterkinder brauchen viel Aufmerksamkeit. Da drehe ich der großen Schwester wohl mal Lockenwickler in die Haare und lobe sie besonders. Manchmal sind auch Oma und Opa mit dabei oder der beste Freund. Das ist alles kein Problem ich bin da total flexibel.

Was war bisher das bewegendste Erlebnis für Sie persönlich? Für mich ist jeder Besuch bewegend. Vorher bin ich sehr nervös. Ich werde überall herzlich empfangen, aber trotzdem sind es immer wieder fremde Menschen die ein schweres Schicksal zu tragen haben. Wenn ich vor Ort bin, ist alles gut und wenn ich zurück fahre vergieße ich wohl mal die ein oder andere Träne. Die Eltern erzählen mir ihre komplette Geschichte zeigen mir Fotos, Videos. Für sie ist es sehr wichtig auch mal mit jemanden Aussenstehen darüber zu reden, um mal alles los zu werden. Das kann auch für mich sehr belastend werden. Aber Dank meiner Familie und meinen Freunden werde ich immer gut aufgefangen und kann darüber reden. Wenn die Eltern mir dann am Telefon berichten, wie wundervoll und wichtig sie die Fotos finden und wie viel es ihnen bedeutet, ist es jede Sekunde wert, die ich in dieses Projekt stecke. Flugkraft gibt ihnen Halt.

Wie lange dauert die Fotobearbeitung? Wieviel Zeit stecken sie nach so einem Shootingtag in die Nachbearbeitung? Meistens warte ich 2 Wochen, bevor ich mir die Bilder wieder vornehme, denn auch ich muß die Geschichten, die Videos usw der Familie erst verarbeiten können. Manche Fotos sind ganz schön krass. Mein Schreibtisch steht im Wohnzimmer, so kann ich abends, wenn mein Kleiner im Bett ist mit meinem Mann ein Glas Wein trinken und trotzdem weiterarbeiten. Ich schaue erst alle Fotos durch und dann noch einmal, um die Schönsten herauszufiltern. Pro Shootingtag sind das an die 1000 Fotos, die gesichtet werden müssen. Die Besten speichere ich dann extra ab und fange dann erst an zu bearbeiten. Die Familien bekommen dann zwischen 30 und 60 Fotos ungefähr. Ich fertige dann ein Video von den Fotos an, welches ich ihnen als erstes zusende. Darüber freuen sie sich immer besonders, weil es durch die Untermalung der Musik sehr emotional ist. Also 2 Tage á 5 Std muß ich da schon einrechnen.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft? Wie geht es weiter mit dem Flugkraft-Projekt? Es sind weiterhin verschiedene bundesweite Workshops geplant und Foto – Ausstellungen, Vorträge in Schulen und Messestände. Wir drehen gerade eine Flugkraft Dokumentation, eine Flugkraft „Allstars“ Song Idee macht sich gerade auf den Weg und auch ein Fotoband ist in Planung. Auch die „Kette gegen den Krebs“ möchte ich nächstes Jahr gern ausweiten. Ideen haben wir genug … es fehlt oft einfach nur an Zeit!

Es haben sich auch viele TV Sender gemeldet, obwohl ich auch mal absage. Für mich ist es schon nicht einfach zu den Familien zu fahren und die Atmosphäre so hinzubekommen, dass man natürliche, lockere Fotos machen kann. Wenn dann auch noch ein Fernsehteam dabei ist, habe ich ein schlechtes Gefühl dabei und ich habe aus Erfahrungen gemerkt, dass sich der ein oder andere TV Sender nicht unbedingt für das Projekt, sondern viel mehr für die Familien interessieren und das möchte ich den Familien nicht antun.

Wie finanziert sich das ganze Projekt? Wir sammeln Spenden mit den besonderen Flugkraft Armbändern die wir für 5 Euro verkaufen und wir haben kraftgebende T – Shirts, Pullover und ganz viele andere tolle Dinge die wir inkl. Extraportion Flugkraft verkaufen. Damit versuchen wir dann unsere Kosten zu decken. Mit den Spenden die wir von Firmen oder Privatpersonen bekommen, kaufen wir Spielsachen, zahlen OPs, Therapien, Beerdigungen und helfen den Betroffenen wo wir können. Handarbeitsvereine schicken uns Mützen und andere tolle Sachen aber auch Geschenke für die Kinder bekommen wir ab und zu zugeschickt. Die Familien bekommen von uns kein Bargeld, sondern immer Dinge, die sie auch gebrauchen können.

Von den Spenden bekommen die Betroffenen dann auch diese besonderen Fotos kostenlos aber auch finanzielle Hilfe wenn es nötig ist. Auch die Workshops und Kosmetikprodukte werden damit finanziert. Für uns ist es sehr wichtig, das die Betroffenen absolut gar nichts zahlen müssen. Besondere Momente und Wunscherfüllungen sind für die Heilung und Verarbeitung sehr wichtig.  Wir verschicken auch außerhalb Deutschlands Flugkraft Pakete an die kranken Menschen, die wir leider nicht besuchen können. 2016 haben wir 346 Pakete verschickt, also quasi fast jeden Tag eins. In diesen Paketen sind schöne Geschenke für die ganze Familie + die Armbänder die die Betroffenen gar nicht wieder abnehmen und besonders zur Chemotherapie tragen. Flugkraft ist nicht mehr nur ein Fotoprojekt. Flugkraft gibt den Menschen ein Gefühl alles schaffen zu können! Sie sind keine Opfer, sondern Helden!

Wie sind Sie auf den Namen gekommen?

Ich wollte etwas kraftvolles. Flugkraft war das erste Wort, das mir einfiel und da es das Wort laut Google noch nicht gab, stand es direkt fest. Darum habe ich im Logo auch den Adler gewählt. Er strahlt soviel Kraft aus. Mir war auch wichtig das der Adler in dem Logo nicht lacht. Das ist nach wie vor ein ernstes Thema. Wir kämpfen mit ganz viel FLUGKRAFT gegen den Krebs, das darf man nicht vergessen. Mit den Fotos bekommen wir die Aufmerksamkeit, die wir benötigen, um die Menschen wachzurütteln.

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Persönliches

Füße im Sand. Kopf in den Wolken. Oktoberblut. 1978. waschechte Ostfriesin. Sommersprossen. von Ostrhauderfehn über Leer, Saterland ins Friesland. angekommen! verliebt. verlobt. verheiratet. FAMILIE. Traumhaus. Strandkorb. grüngestrichene Gartenbank. London. Berlin. Paris. Chaosmensch. MEERVERLIEBT. Musik an. Balancieren auf dem Tellerrand. Beachmagnet. Festivalhopper. Sonne. Polaroidbildbepusterin. T3. Wind. Springen über Steine und fliegen über Mauern. Ankermädchen. Herbstlaub. Akustik-Gitarre. Muschelsammlerin. Acryl. Vinyl. Küstenkind. Schreiberling. Stativselfiistin. Klavier. Leseratte. still. artig. nervös. bunt. Trampolinerin. Teilzeitinsulanerin. Konzertjunkie. verwachsen mit einer Canon 5D Mark ii/50 mm 1.4. verplant. ungeduldig. autodidakt. detailverliebt. GLÜCKLICH!

Danke für das Lesen, Danke für die Unterstützung, Danke für das „nicht wegsehen“ …